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BBC Bach-Doku 2013 mit Sir J. E. Gardiner

Im Januar 2013 durfte ich für die BBC London bei der 90-minütigen TV-Dokumentation „Bach A Passionate Life“ eine kurze Sequenz mit dem Praeludium in c-moll BWV 546 gestalten, die visuell an das Orgelspiel des ganz jungen Johann Sebastian Bach (1685-1750) erinnern sollte, der als 15-Jähriger Schüler beim Organisten und Komponisten Georg Böhm in Lüneburg war. Aufgenommen wurde die Filmsequenz bei klirrender Kälte in der von Zuckerschnee eingehüllten Schlosskirche von Altenburg an der wunderbaren Orgel von 1739 des thüringischen Orgelbauers Tobias Heinrich Gottfried Trost (ca. 1681-1759).  Bach hatte im reiferen Alter tatsächlich selbst an dieser Orgel kurz vor ihrer Einweihung begeistert gespielt, theoretisch möglich – vielleicht sogar jenes Stück. Die Dokumentation wurde am 30. März 2013 über BBC Two ausgestrahlt und vom anglophilen Fernseh- und Internetpublikum sowie von der Presse mit großer Wertschätzung bedacht. Über die BBC-Internetseite konnten alle in der Doku angespielten Bach-Werksätze, also auch jene Aufnahme von meiner Interpretation des Praeludiums in c-Moll über 7:40, Minuten als separate Vollfilme angesehen werden.  Anstatt Georg Böhm sitzt beim Dreh übrigens mein tatsächlicher Orgellehrer, der Leipziger Universitätsorganist Daniel Beilschmidt neben mir. Weil es so kalt, kaum über 5 Grad in der Kirche war, was man im Film authentisch sieht und der unter diesen Bedingungen nicht ideal intonierbaren Orgel auch anhört (!), brauchte das freundliche Filmteam für die unterschiedlichen Aufnahmeeinstellungen drei Stunden, die uns aber – barock – mit Häppchen und Glühpunsch erträglich gemacht wurden. Regie führten Cesca Eaton und David Jeffcock von Leopard Films, die mir anstatt Honorar die Erlaubnis zum Verlinken meines Beitrages gegeben haben:

Durch die ganze Dokumentation führte Sir John Eliot Gardiner, der wie ein guter alter Bekannter über seinen Vornamensvetter Johann Sebastian vielerorts an Bachs Wirkungsstätten und in Interviews mit Fachleuten recherchiert und jeweils vor Ort im Plauderton seine Erkenntnisse dem auf Spannung gehaltenen Zuschauer im Stil interessanter Neuigkeiten erzählt.  Gardiners „gute Bekanntschaft“ mit Bach geht tatsächlich bis in seine eigene Kindheit zurück, denn im Wohnhaus seiner Eltern hing als Leihgabe des befreundeten, vor dem Krieg aus Breslau nach England geflohenen Musikers Walter Jenke jenes 2. authentische Bachbild von 1748 des Leipziger Porträtmalers Elias Gottlob Haußmann, das durch Schenkung des Nachbesitzers auf Gardiners Vermittlung hin nun wieder nach Leipzig ins Bach-Archiv, also nach Hause zurückgekehrt ist. 1952 hatte Jenke das Bild an den amerikanischen Bachforscher William H. Scheide aus Princeton, New Jersey, verkauft. Dessen Witwe und Tochter haben es nun zum Bachfest im Juni 2015 den Leipzigern feierlich übergeben. „Bach is back“ titelte die Leipziger Volkszeitung am 12.06.2015. Emotional berührt vom Ansehen der 2013-er BBC-Dokumentation und dem Anhören der schönen Bachinterpretationen möchte man sich am Ende die Augen reiben und gänzlich unvoreingenommen mag man fast glauben, die Spezialisten für Bach und seine musikalischen Erben seien bis auf ganz wenige Ausnahmen allesamt Engländer und unser schönes Mitteldeutschland gehöre selbstverständlich genau so zum vereinigten Königreich wie sein hier im Film überaus sympathisch für Bach einnehmender musischer Botschafter. Oder ist er schon einer von uns geworden? Letzteres sollte sich (später, s.u.) als zutreffend erweisen! Immerhin wurde auch einmal ganz kurz für einige Sekunden der Thomanerchor im Interim-Alumnat während das Kastenumbaus gezeigt, vor dem Essen den Mittagschoral singend. Dank der Drehbuchdramaturgie und des Winterwetters in Sachsen und Thüringen wurde Gardiners Anliegen sinnlich und auf sehr poetische Art in Szene gesetzt.

Ein unterhaltsamer Film – großartige Einladung für eine noch tiefer gehende Beschäftigung mit Bach und Leipzig und mit dem gleichen Selbstverständnis auch gelunge Eigenwerbung für einen großen Bachdirigenten und Bachforscher unserer Zeit und seine Ensembles. Seit dem 13.02.2014 ist Sir John Eliot Gardiner Präsident der Stiftung Bach-Archiv Leipzig. Der Film ging seiner Mission für Leipzig wie eine Empfehlung oder Vorahnung voraus. Wer möchte, kann sich bei mir den offiziellen Mitschnitt der BBC ausleihen.  Youtube zeigt aktuell leider nur noch eine qualitativ eingeschränkte Kopie. Die HD-Version wurde im Mai 2015 vom BBC-Kanal herunter genommen, möglicherweise deshalb, weil die lange geplante DVD-Verwertung bevorsteht.

 

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